Es war diese eine kurze Fahrstuhlfahrt, die mich meine Reise auf der Queen Mary 2 nie vergessen lässt. Ein kurzes erstes Gespräch, kichern beim Line Dance Kurs und euer Besuch in meiner Suite, vielleicht die Flasche Schampus, jedoch vor allen Dingen eure Geschichten haben nicht nur meine Reise, sondern auch mein Leben bereichert.
Dies ist für euch, Gisela und Helmut.
Danke!
Lass’ mich doch bitte Schiffe gucken
Mit zerzausten Haaren und nass-schwerer Wolljacke, es musste heute beim typischen Hamburger Schmuddelwetter unbedingt die Wolljacke sein, laufe ich die Paul-Roosen-Straße entlang. Ich bin spät dran. Ludwig und ich sind zum Kaffeekränzchen in der St. Pauli Tarterie verabredet. Er wartet schon. „Wie siehst du denn aus?“ Ich gebe ihm eine ordentliche Umarmung. Soll er sich mal nicht so anstellen. Das bisschen Nässe. „Ich war noch schnell am Hafen.“ „Weil das Wetter so schön ist heute, oder wie?“ „Nein, die Queen Mary 2 lief eben ein.“ Ludwig lacht.
Meine Freunde lachen oft über mich, weil ich so verrückt nach Schiffen bin. Ich kann stundenlang in Hamburg an der Elbe sitzen und Schiffe gucken. Wahrscheinlich liegt mir das Seefahrerblut als Halbfilipina in den Genen. Mein Vater fuhr auch zur See.
Ludwig reibt vor Aufregung seine Hände. „So, erzähl’! Wie war dein Date am Dienstag?“ „Was trinkst du?“ „Oh, so schlecht? Der sah’ doch ganz süß aus!“ Ludwig ist sehr bemüht. Ich soll mir doch endlich jemanden suchen, meint er. Wie sich das schon anhört! Zumal er sich selbst bisher niemanden gesucht hat. Als ich einen Cappuccino und einen Apfel-Tarte bestellt habe, senke ich meinen Blick und murmel‘ so schnell und undeutlich wie möglich: „Ich hab’ das Date abgesagt.“ Aber Ludwig versteht das ganz genau, obwohl ich meine Zähne beim Sprechen kaum auseinander nehme und zufällig zwischendrin husten und mich aus Höflichkeit wegdrehen muss. „Jetzt sag’, was ist passiert?“ Hat er eben wirklich seine Augen bei der Frage verdreht? „Ja, also. Es ist so. Die MSC Zoe, das größte Containerschiff der Welt, weißte? Das lag doch gerade an Dock hier und am Dienstag ist es ausgelaufen. Das größte Containerschiff der Welt! Stell’ dir mal das Manöver vor im engen Hafen!“ Euphorie oder wenigstens Verständnis erwartend, mit einem freundlich „Na, du weißt schon, wie toll das ist“-Nicken grinse ich Ludwig an und gebe schließlich doch in mich zusammen sinkend zu: „Ich habe das Date abgesagt.“ „Du hast doch eine Meise!“ Ludwig schüttelt den Kopf und seufzt ein schwaches „Oh, man!“ hinterher. „Ach, komm’ schon. Ich ziehe bald in dieses große dreckige Berlin zurück. Nun gönn’ mir noch ein bisschen Hafenatmosphäre.“
Wir gehen auf Kreuzfahrt!
Als ich abends in meiner Eimsbütteler Küche sitze und mich mal wieder über die alten Hamburger Kacheln an der Wand freue, die ich so sehr vermissen werde, stolpere ich im Internet über ein sagenhaftes Angebot: eine Mini-Kreuzfahrt. Zwei Tage auf der Queen Mary 2 von Southampton nach Hamburg, all inclusive für 329 EUR. Ich bin hin und her gerissen. So gerne ich große Schiffe ansehen mag, so wenig habe ich eigentlich das Bedürfnis, auf Kreuzfahrt zu gehen (mal abgesehen von einem Expeditionsschiff in der Antarktis oder dem Postschiff in den Hurtigruten). Aber jetzt, zum Ende meiner leider viel zu kurzen Hamburg-Episode, auf einem dicken Pott in meinen Heimathafen einzulaufen, das kann ich mir nicht entgehen lassen. Ich greife zum Hörer und rufe erst Ludwig und dann Chris, der sowieso immer für verrückte Reiseaktionen zu haben ist, an. Beide finden die Idee super, sogar Ludwig. Ich schicke ihnen den Link rüber und gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin Isabell buchen wir die Kreuzfahrt. Es ist tatsächlich für uns alle die erste.
Wenige Tage später wedelt Ludwig mir mit seiner Buchungsbestätigung, die herrlich altmodisch per Post kam, vor dem Gesicht herum. Sogar er scheint sich jetzt auf’s Schiff zu freuen. Aber komisch ist, dass ich noch nichts bekommen habe. Es vergehen weitere Tage; sogar Wochen. Ich habe immer noch keine Bestätigung erhalten. Eines morgens rufe ich schließlich bei der Reederei an und hake nach. „Oh ja, Frau Narciso. Ich sehe ihre Buchung, ja.“ Pause. „Kann ich sie gleich zurückrufen?“ Das hört sich nicht gut an. Ich trommle ungeduldig mit den Fingern auf meinem Küchentisch herum und versuche mich mit einer heißen Schokolade zu beruhigen. Mein Telefon klingelt. „Ja, also Frau Narciso. Vielen Dank für ihre Geduld. Da ist tatsächlich etwas schief gegangen bei ihrer Buchung und eigentlich sind wir jetzt bereits ausgebucht.“ Mein Herz rutscht in die Hose. „Deswegen musste ich eben mit meinem Chef Rücksprache halten und kann ihnen nun mitteilen, dass wir sie auf eine unsere Queens-Suiten gebucht haben. Sie haben dadurch natürlich keine Mehrkosten.“ Ich flippe aus, bedanke mich kreischend und würde den Herrn am liebsten durch’s Telefon knutschen; meinetwegen auch mit Zunge, das würde auch Ludwig sicherlich freuen. Als ich auflege mache ich Luftsprünge in der Küche. Isabel kommt um die Ecke und fragt, was los sei. Da wir uns das Zimmer auf der Queen Mary teilen, falle ich ihr um den Hals und kreische, dass wir jetzt eine Suite auf dem Schiff haben, mit Balkon und einem riesengroßen Badezimmer (hab’ ich natürlich während des Telefonates mit der Reederei schon bei Google herausgefunden). „Vergiss’ deinen Kakao. Wir machen den Sekt auf“ jubelt Isabel und lässt die Korken knallen.
Kurz vor unserer Reise, als ich noch in dem Büro in der Hamburger Speicherstadt sitze, auch das werde ich schmerzlich vermissen, klingelt mein Telefon. Es ist Isabell. Ich ahne, dass sie Abendroben für das Schiffsdinner besprechen möchte. „Madame Queen Isabel, wie geht es Ihnen?“ Stille. Gestammel. Ich muss mich setzen. Isabell hat sich einen Virus eingefangen und der Arzt hat ihr strengstens von der Kreuzfahrt abgeraten. Ich bin ganz traurig. Zwar habe ich die Suite nun für mich alleine, aber ich möchte auch nicht alleine im Bademantel abends im Liegestuhl auf der Terrasse den gekühlten Champagner trinken. Ja, die Jungs sind noch da, aber Ludwig hat sich sein neustes Tinder-Opfer samt bester Freundin eingeladen, die Männer sind also beschäftigt. Es nützt nichts, die Gesundheit geht vor.
Vom Rotlichtviertel in Richtung Queens Suite
Somit mache ich mich am frühen September-Morgen alleine auf den Weg zum Flughafen. Der klitzekleine Haken am Upgrade war, dass ich einen unmöglich Flug nach London über Frankfurt in Kauf nehmen muss. Egal, Für die Queen Mary sehe ich über das frühe Weckerklingeln um drei Uhr morgens mit einem gähnenden Lächeln hinweg.
Mit müden Augen hieve ich mich in die S-Bahn. An der Haltestelle Reeperbahn steigen die letzten feierwütigen Kiezgänger und tragischen Überbleibsel der Nacht in die Bahn ein. Ein Mann setzt sich neben mich und macht sich breit. Sein Ellenbogen piekt mich immer wieder ins Bauchfett. Er beginnt zu schnarchen. Ich rücke ab und setze mich ihm gegenüber. Er streckt seine Beine aus und umklammert meine, während er immer wieder in tiefen Schlaf mit lautem Schnarchen fällt. Ich fliehe in eine andere Sitzecke, von wo aus ich beobachte, wie seine wahrscheinlich leckere Curry-Kokos-Sauce der mitgenommenen Nachtmahlzeit auf den Sitz läuft. Hurra, auf meine Tasche tröpfelt das nun nicht. Hier drüben muss ich mich nur über den Mann wundern, der sich abwechselnd an sein Gemächt oder unter seine Achseln grabscht.
Am Flughafen angekommen, bin ich zunächst voller Euphorie und checke voller Vorfreude ein. Als ich im Flieger sitze, bin ich von den frühmorgendlichen Ereignissen dann doch so erschöpft, dass ich von den zwei Flügen kaum etwas mitbekomme. Ich falle sofort in den Tiefschlaf, sobald ich meinen Sitzplatz eingenommen habe.
Als ich in London ankomme, halten die Damen ihre „Cunardline – Queen Mary 2“ Willkommensschilder noch unterm Arm geklemmt und tippen auf ihren Telefonen herum. Sie haben wohl nicht damit gerechnet, dass jemand nur mit Handgepäck anreist. Ich setze mich erstmal in die Warteecke. Obwohl es nur zwei Nächte sind, sehe ich bei meinen später am Sammelpunkt eintreffenden Mitreisenden bunte Reiseschweine, wie wir diese Riesenkoffer immer liebevoll nennen, die wahrscheinlich bis oben hin gefüllt sind mit sonderbaren Abendroben.
Von den reifen Damen auf der Bank neben mir zieht süßes Parfüm zu mir herüber. An ihren Händen quetschen sich zahlreiche Ringe an ihre in die Jahre gekommenen Finger. „Schau, Elisabeth, ich habe mir auch diese Schuhe mit den knuffigen Schleifen gekauft. Die sind aber auch entzückend!“ „Ich hab’s dir doch gesagt, die können wir auch abends zu den Kleidern anziehen. Ich habe mich übrigens für Hummer-farben und Türkis entschieden, und du?“ Ich mindere den Altersdurchschnitt um Jahrzehnte und den Vermögensdurchschnitt um Abertausende, mindestens.
Der Damen Bridge Club ist auch da. Man tauscht Tipps aus, wie man auf Fotos am besten rüber kommt. „Ich habe ja gehört, man soll ein bisschen an der Kamera vorbei gucken. Aber ganz ehrlich, danach muss trotzdem noch viel recherchiert werden.“ Ich kichere in mich hinein und widerstehe dem Drang zur Korrektur.
Als alle Kreuzfahrtreisenden eingetrudelt sind, werden wir in einen Bus geleitet, der uns nach Southampton zum Hafen fährt, wo die Queen gerade ankert. Mittlerweile bin ich nicht mehr müde und analysiere meine Mitreisenden. Da sind zum Einen die bereits beschriebenen betagteren Damen und Senioren-Ehepaare, aber eben auch einige wie ich, die eine Kreuzfahrt einfach mal ausprobieren wollen oder noch ehrlicher: eine komplette Kreuzfahrt einfach nicht finanzieren können. Bodo und Jackeline (wirklich jetzt, ich habe gefragt, wie man das schreibt) sitzen neben mir. Acht Jahre sind die beiden mittlerweile verheiratet und wollten sich mit diesem Törn etwas gönnen. Jackeline war heute morgen (schön, ein Direktflug!) noch extra beim Friseur. Ihre dünnen toupierten Haare umgeben ihren Kopf wie einen Helm. Sie hat ihre Handtasche auf ihrem Schoß und umklammert sie mit ihren Händen, an deren Finger glitzernde Gelnägel blinken. Bodo erzählt, das es schon immer sein Traum war, mal eine Kreuzfahrt zu machen. Er strahlt über’s ganze Gesicht. Ich habe Mühe, nicht seine Zahnlücken zu zählen. Ich bin beeindruckt, wie unterschiedlich die Reisegruppen sind: Menschen, die sich einen solchen Ausflug immer leisten. Menschen, die sich denken „Das ist doch mal ein Spaß, lass’ uns das aus Jux und Dollerei doch einfach buchen.“. Menschen, die sehr lange auf diese paar Tage Luxus gespart haben. Wir alle haben schlußendlich eines gemeinsam: unbändige Vorfreude.
Beim Check-In im Cruise Terminal ist das Durchschnittsalter der Herrschaften hinter dem Schalter deutlich über fünfzig. Es scheint, als sollen sich die Gäste direkt unter Ihresgleichen fühlen. „Hallo, ich möchte unheimlich gerne einchecken.“ Hilfe, meine Stimme zittert fast, so sehr freue ich mich. Die Dame hinter dem Tresen nimmt meinen Buchungsbeleg entgegen und hebt kurz die Augenbrauen. Sie hat vermutlich gerade die Queens-Suite-Info gelesen. „Ist ihre Begleitung auch da?“ Ich bin geneigt zu sagen „Die suche ich mir noch“, vermute aber, dass ich mir keine Humorebene mit der Dame teile. „Die ist leider verhindert. Ich reise alleine.“ „Gut, Frau Natschisco (immer das gleiche Spiel), Ihr Gepäck bitte!“ „Äh, ich habe keins.“ Die Dame blickt ungläubig von ihrem Computer hoch, merkt ihren verwirrten Blick und beendet ohne weiteren Kommentar meinen Check-In. Als ich meine Tickets dankend annehme, höre ich kaum das Ende ihres „Enjoy your trip“, da eile ich schon schnellen Schrittes in mein Wochenend-Gemach.
Meine Füße betreten die wackelige Brücke, die in den Eingang der Queen Mary führt. Ich halte kurz inne und lasse meinen Blick nach oben schweifen. Was für ein Koloss! Ich atme tief ein und bedanke mich beim Universum. Ein Traum geht in Erfüllung. Evelyn auf einem großen Schiff. Kleine Randnotiz an dieser Stelle: die Folge Nr. 5 von Benjamin Blümchen hieß „Auf hoher See“. Damals hörte ich die Folge rauf und runter und wollte auch immer zufällig auf einem Schiff sein, wenn es ablegt. Dreißig Jahre später ist es endlich soweit. Mehr oder weniger zufällig.
Wenn der Butler zweimal klingelt
Die Marmorsäulen, Leoparden Teppiche und goldenen Lampen finden kaum Beachtung, denn ich eile schnurstracks zu meiner Suite. Ich halte die Schlüsselkarte davor und öffne die Tür. Riesig. Dieser Raum ist riesig. Um ein vielfaches größer als mein aktuelles WG-Zimmer. Und der Balkon! Es gibt so viel Platz. Zwei Liegestühle und ein Tisch laden zum Entspannen ein. Auf dem Couchtisch stehen gekühlter Champagner und auserlesene Pralinen. Plötzlich klingelt es. Ich bin verwirrt, aber offenbar gehört neben einer Ledercouch-Sitzecke mit Nierentisch auch eine Klingel zu meiner Suite.
„Hallo, liebe Frau Narciso. Ich bin Jose, Ihr Butler. Stets zu Ihren Diensten!“ Ich ziehe die Augenbrauen vor Verwunderung nach oben und blicke verblüfft drein. Jose bemerkt das und ich merke, dass er sich innerlich freut und mich direkt in sein Herz schließt, ganz nach dem Motto: endlich mal eine, die sich wirklich über meine Dienste freut. „Hallo, Jose. Freut mich. Und, äh, danke!“ „Frau Narciso, sehen Sie, hier ist ein Knopf auf dem Telefon, wenn Sie den drücken, piept mein Pager und ich rufe Sie sofort zurück.“ „Danke, Jose. Ich denke nicht, dass das nötig sein wird.“ Jose lächelt. Er merkt schon, mich kann er mit allem beeindrucken. Jose ist noch längst nicht fertig. „Frau Narciso, sie haben diese Zettel noch nicht ausgefüllt. Bitte suchen Sie sich aus, ob sie eine Flasche Wein oder eine Flasche Wodka oder vielleicht Gin möchten.“ Halleluja, bei Wochenende ist gerettet! „Danke, Jose. Ich würde dann gerne den Wodka nehmen. Tausend Dank!“ „Nicht dafür, Frau Narciso, ich bringe ihnen die Flasche unverzüglich hoch.“ Na, noch hab ich den Schampus, denk’ ich mir.
Als Jose geht, lege ich mich in den Liegestuhl auf den Balkon und genieße die Sonne. Der Sommer ist bereits vorbei, aber hier in Southampton ist die Sonne heute noch stark genug, dass sie mich wie eine kuschelige Decke langsam in den Schlaf wärmt.
Ludwig, Chris und die Mädels sind mittlerweile auch angekommen. Ich besuche die Jungs in ihrer Koje. Es ist immerhin eine Außenkabine, trotzdem stolpere ich erstmal über die achtlos in den Raum (woanders hätten sie auch keinen Platz) gestellten Koffer. „Und, wie ist es so in deiner Suite?“ „Die ist der Wahnsinn. Es gibt ein riesiges Bad und der Balkon ist..“ „Jaja, wir brauchen auch keine Details.“ Ich grinse schadenfreudig. „Ihr könnt mich gerne jederzeit besuchen!“ „Nee, wir ruhen uns erstmal aus.“ Chris, der Gemütliche.
Ich gehe also alleine in meine Suite zurück. Das ist auch besser so, denn ich muss mich für das Dinner ausgehfein machen. Gerade als ich mich in meinen edlen H&M Zwirn werfe, bemerke ich, dass es neue Dinge in meinem Zimmer gibt. Die Softdrinks im Kühlschrank sind wieder aufgefüllt, der Wodka ist kalt gestellt, eine Obstschale glänzt prall gefüllt vom Schreibtisch herüber und auf dem Tischchen stehen köstliche Canapés. Jose ist ein Schatz!
Ein Dinner mit Fremden
Ich streiche noch mal über mein Abendkleid und ziehe mir die Lippen nach, bevor ich zum Dinner in das Queens Restaurant gehe. Ich gehe alleine, denn die Anderen haben nur Zugang zu dem Britannia Restaurant, welches in zwei Sitzungen, um 18:00 oder um 20:30 Uhr, von den Gästen der Innen-, Außen- und Balkonkabinen besucht werden darf. Es wird ein Drei-Gänge-Menü serviert. Im Queens Restaurant, welches ich als Queens-Suite Bewohnerin besuchen darf, kann ich mir aussuchen, zu welcher Zeit ich essen gehe. Es gibt nur eine Dinner-Sitzung. Es ist 18:30 Uhr als ich am Queens Restaurant Empfang meinen Namen nenne. Die Dame am Empfang nickt einem Herren im Frack zu, der mich an einem runden Tisch für 8 Personen platziert. Eine Dame, kaum dass ich sitze, legt mir eine weiße Stoffserviette auf den Schoß. Ich traue mich nicht, irgend etwas anzufassen. Bei meinem Glück werfe ich direkt das teure Kristall um. Ich lehne mich erstmal in meinem Stuhl mit der hohen bequemen Lehne zurück und lausche der leise im Hintergrund laufenden klassischen Musik.
„Einen wunderschönen guten Abend, meine Dame. Ich bin Pierre, ihr Sommelier für den Abend. Was kann ich Ihnen empfehlen? Rotwein, Weißwein, einen Aperitif?“ Ich entscheide mich zunächst für einen Brut. „Superb, Madame. Kommt sofort!“ Wo der Pierre recht hat; keine drei Minuten später kommt mein Brut. Gebracht wird dieser von wieder einer anderen Person. Pierre berät lediglich und nimmt die Bestellungen auf. Ich ahne schon, dass für die Bestellung des Essens ein weiteres Rudel Kellner und Kellnerinnen zuständig ist. Ich scheine mir mehr Namen merken zu müssen, als bei einem ersten Arbeitstag im neuen Büro.
Nach wenigen Minuten füllt sich mein Tisch mit weiteren Gästen. Zwei Ehepaare und eine Dame mit ihrer Mutter zählen zu meiner Essensgruppe. Rudolf und Elfriede sowie Christina und ihre Mutter Martha sind schon in New York and Bord gegangen und freuen sich langsam auf zu Hause. Gerhard und Brunhilde sind wie ich in Southampton zugestiegen. „Unsere Kinder haben uns die Kreuzfahrt zum 45. Hochzeitstag geschenkt. Ich halt ja eigentlich gar nichts von Schiffen, aber ich muss doch sagen, dass es hier ganz schön ist.“
Eine Schifffahrt mag für Gerhard und Brunhilde etwas neues sein, aber sonst wird schnell klar, dass wir alle am Tisch Reisende sind. Jeder Einzelne von uns hat mindestens eine spannende Geschichte aus einem entlegenen Winkel der Erde zu berichten und so tauschen wir Erinnerungen aus aller Welt miteinander. Die Atmosphäre entspannt sich deutlich mit jeder Anekdote. Gerhard ist zu Späßen aufgelegt und bekommt gar einen Knuff von seiner Brunhilde als er lachend mit der Hand auf den Tisch haut. „Du bist aber locker heute!“
Jeder meiner drei Gänge ist ein kulinarischer Hochgenuss und gerade als ich meinen Magen mit leckerstem Käse geschlossen habe, bekomme ich noch eine Etagere mit Miniküchlein und Pralinen gereicht. Ganz klar, ich hätte Tupperdosen mitnehmen sollen. Wir nehmen noch einen gemeinsamen Aquavit zum Abschied, das scheint man auch in gehobenen Kreuzfahrt-Kreisen zu machen, und verkrümeln uns in unsere Zimmer. Nach dem aufregenden Tag und der doch sehr kurzen Nacht, ist mir heute nicht mehr nach Ausgehen zumute. Als ich in meine Suite komme, ist das Licht gedimmt, die Handtücher im Bad bereit gelegt und meine Bettdecke zurückgeschlagen, so dass ich direkt ins kuschelige Bett kriechen kann. Einen Jose kann ich mir für zu Hause auch gut vorstellen. Ich schließe die Augen und merke den leichten Seegang, der mich in den Schlaf wiegt.
Lince Dance und Champagner Ü80
Beim Frühstück am nächsten Morgen fühlt es sich schon an, als würde ich meine Beine unter den Familientisch schieben. Christina und Martha begrüßen mich freudig: „Hast du auch so himmlisch geschlafen? Dieser sanfte Seegang ist immer wieder toll, oder?“ Wir sind gerade erst aufgestanden und quatschen schon wieder um die Wette. Unsere rege Unterhaltung wird unterbrochen, als die fliegenden Kellner, heute Dustin und Olaf, mit Brot, Wurstwaren und Käse geeilt kommen. Ich bediene mich; nichtsahnend, dass erst danach die Frühstückskarte gereicht wird. Wie peinlich, mein Teller ist schon recht voll. Wo sollen denn jetzt noch Eggs Benedict oder ein Lachs-Frühstück hin passen? Ich überlege, ein Patent für stylische Handtaschen mit verborgener Tupperdose zu entwerfen.
Nach dem Frühstück begebe ich mich auf Entdeckungstour, während Ludwig und Chris ihrer Lieblingstätigkeit, dem Chillen, weiter nachgehen. Die Queen Mary 2 ist eine wahre Grand Dame. Die Teppiche in den langen Gängen sind schwer und wild gemustert. Das Holz der Treppen ist dunkel und oft mit Gold verziert.
Mein erstes Ziel ist die Bibliothek. Sie ist mit ihren mehr als 8.000 Büchern eine der größten mobilen Bibliotheken der Welt ist. In großen Holzregalen, die bis unter die Decke reichen, gibt es Biografien sämtlicher Stars, die die VIP Welt interessieren könnte, Sachbücher und Romane aus längst vergangenen Zeiten. Mir gefällt die Atmosphäre hier sehr. Die Stimmung ist entspannt und ruhig, nahezu dumpf. Zum Gruß lächelt man sich schüchtern an und nickt. Die Lesenden nehmen in großen Sofas oder Sesseln, welche meist zu den Fenstern mit Blick auf das Wasser ausgerichtet sind, Platz. Während ich in einem Buch über Piraten blättere, beobachte ich eine Dame, wie sie gerade in ihr Tagebuch schreibt. Am Nachbartisch sitzt ein Herr, der mit seinen Gichthänden, in krakeliger Schrift, noch schnell die letzten Grüße auf den Postkarten für die Daheimgebliebenen hinterlässt. Als ich wieder zur Dame schaue, klappt sie gerade mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen ihr Notizbuch zu und sinniert aus dem Fenster hinaus. Ohne Land in Sicht, scheinen die Gedanken grenzenlos zu sein.
Gerade als ich Kurs auf’s Außendeck nehme, treffe ich Jose. Er zischt mir leise zu. „Hallo Jose, wie geht’s Ihnen?“ „Frau Narciso, psst! Wollen sie noch eine Flasche Champagner haben? Die Bewohner einer anderen Suite haben offenbar kein Interesse daran!“ Ist er nicht niedlich, mein Jose? Ich grinse ihn an und er merkt sofort: das war eine rein rhetorische Frage. Lächelnd nickend bringt die Flasche direkt in meinen Kühlschrank, während ich an die frische Luft gehe.
Auch ich muss mich erstmal aufwärmen und stolpere durch Zufall in die Fotogalerie. Überall auf dem Schiff bauen emsige Fotografen immer wieder neue Fotoecken auf, in die sie im großen Stil die Gäste lotsen. Einmal kurz lächeln und später das gute Stück hier teuer erstehen. Mich erinnert die Fotowand eher an ein Gruselkabinett, weil mich so viele Gesichter auf einmal, auf teilweise grotesk gestellte Weise, angrinsen. Ich eile weiter.
An Deck pustet eine steife Brise; trotzdem höre ich meine Schritte auf den großen Holzplanken. Dieses Geräusch bedeutet für mich immer Urlaub. Am Bug springen ein paar Hartgesottene in den Pool oder legen sich mit Schal und Mantel in die Sonnen-Stühle. An den weniger windgeschützten Stellen, muss ich meine Augen zusammenkneifen, so windig ist es. Nach nur wenigen Minuten an der frischen Luft schmecken meine Haare, die mir permanent in den Mund wehen, salzig. Ich atme die frische Meeresluft tief ein. Wenn das Wetter besser wäre, hätte man hier oben an Deck einiges zu tun. Überall an Bord findet man kleine Kisten mit Zubehör für Spiele. Heute amüsieren sich die Reisenden lieber beim Tischtennis im Indoor-Bereich.
Den Fahrstuhl in das unterste Stockwerk teile ich mir plötzlich mit einem adretten Pärchen. Sie hat ihre weißen Haare lila eingefärbt und der Mann beschwert sich gerade so schön mit scharfem K über dieses und jenes. „Ik wees ja nich, ik find dit nich jut“, muckiert sich der Herr über den Vorfall der offenbar gerade vor unserem Zusammentreffen statt gefunden hat. „Kommen sie auch aus Berlin?“ poltert es plötzlich unverhohlen aus meinem Mund und ich der Startschuss für eine wunderbar folgenschwere Konversation ist gefallen.
„Nee, Mädchen, nich mehr. Dit ist schon lange her. Im Kriech sind wa schon in Pott jezogen. Biste schon lange an Bord?“ „Nee, ich muss zugeben, dass ich gerade frisch in Southampton dazu gestiegen bin. Ich bin zum ersten Mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Dies ist quasi mein Probelauf.“ Das Geständnis nimmt der freundliche Herr als Anlass, mich über die Tücken und Gepflogenheiten der Queen Mary 2 aufzuklären. „Oh, danke für ihre Hilfe“, unterbreche ich seinen Redeschwall, „wohin sind sie denn gerade unterwegs?“ Als ich mich noch wundere, woher die Frage kam, antwortet der Herr: „Wir gehen gerade zum Line Dance.“ Meine Augen weiten sich vor Begeisterung und wenn ich mich gerade noch wunderte, wo die erste Frage herkam, schießt mir schon ein „Oh, wie toll. Darf ich mitkommen?“ aus dem Mund. „Nichts lieber als das!“ Die Dame lächelnd freundlich. Sie kam bisher nicht zu Wort.
Wenige Minuten später sitze ich in einem Tanzsaal und beobachte das schwermütige Schauspiel. Es hat einen Hauch von Ergotherapie, man kann es nicht leugnen. Auch der Herr hält nicht hinterm Berg und amüsiert sich über eine exorbitant taktlose Dame „Kiekt doch ma“, sagt er immer wieder und bohrt seiner Frau dabei seinen Ellenbogen in die Seite. „Meine Freundin Tini sagt zu solchen Menschen immer „Körperklaus.“ „Wat? Körperklaus?“ „Ja, genau. Das sind Menschen, die einfach nicht den Takt halten können.“ Das Ehepaar lacht synchron. „Siehste den mit der güldenen Brosche am Polohemd?“ „Ja, den sehe ich.“ „Dit is’n „Mumienschieber.“ „Ein bitte was?“ „Ein Mumienschieber. Dit is’n meist in die Jahre jekommener, doch stets jutjesinnter Mann, der für Kost und Logie auf’m Schiff dazu anjehalten is, alleinstehende Damen zum Tanz uffzufordern oder ihnen’n Drink zu spendieren.“ „Ein Gigolo!“ „Nein“, erklärt der Herr wild mit den Händen abwinkend, „intime Kontakte sind strengstens untersagt“. Mumienschieber! Ich kichere weiter, während ich mich über meine neue Bekanntschaft freue. „Wo wohnen se denn uffer Queen?“ Ich erzähle den beiden von meinem Glück mit meiner Kabine und der Mann bekommt ganz große Augen. „Ik wollt’ schon immer ma jern’ne Suite sehen! Gisela, hör’ doch, sie wohnt inne Suite.“
Es kommt, wie es kommen soll: wenige Augenblicke später wackeln wir zur Besichtigung meines Palastes los. Als ich die Tür öffne, ertönt minutenlang nur „Oh!“ und „Ah!“. „Leider habe ich keinen Whirlpool.“ „Dit macht doch nüscht! Sie sind ja och’ne Dame und haben eene Öffnung mehr, durch die Bakterien kriechen können.“ Das hat er gerade nicht wirklich gesagt? „Helmut!“, ermahnt in Gisela und Haut ihm mit den Handrücken auf die Brust. „Is doch so!“, verteidigt er sich.
Ich fühle mich hochgradig unterhalten und bitte die Beiden, sich zu setzen. „Ich hab’ noch eine Flasche Champagner im Kühlschrank. Die kann ich alleine sowieso nicht austrinken. Sollen wir sie gemeinsam trinken?“ Die Dame schürzt ihre Lippen zu einem entzückten Lächeln. Ich brauche keine Antwort und lasse den Korken knallen; Zeit, sich offiziell vorzustellen. Ich stoße mit Gisela und Helmut an. Jahrgang 1935 und ich spreche nicht vom Champagner.
Vom Reisen und Flüchten
In einem fulminanten Feuerwerk des Schlagabtauschs bekomme ich die buntesten Kreuzfahrer-Geschichten erzählt. „Nee, von diesen Busausflügen halten wir ja gar nichts. Das ist nichts für uns. Wir setzen uns lieber in die Hafenkaschemmen. Da lernt man immer Menschen kennen, die einen mal mit durch die Slums oder in schöne Gärten mitnehmen. Das ist doch das, was man sehen möchte.“ Slums oder schöne Gärten; Giselas Leben am Limit.
Während ich Blubberwasser nachgieße, setzt Helmut zu seiner neuen Geschichte an. „Ik wees dit noch wie jestern. Dit war in Portujal. Da ham wa’n Fischer am Hafen kennenjelernt. So eener mitte dicke Lederhaut und Mütze.“ Helmut steht auf. Die Rede scheint ihm wichtig zu sein. „Der frachte, ob ik mit uff’n Kutter will. Klar, sachik. Dann jing’s mit ihm und seine Kumpels uff See, wa. Jut, und’ne Menge Rum, wa. Ne ordentliche Menge Rum. Irjendwann wurd’s wackelich.“ Helmut breitet seine Arme aus und geht leicht in die Knie. Ich bekomme Angst, dass wir ihn gleich stützen müssen, aber er balanciert wie ein Profisurfer auf seinen gespreizten Beinen. Ich frage mich noch, warum sie wohl nicht einfach sitzen geblieben sind auf dem schunkelnden Kahn. „Aber der Rum, der Rum! Ik musste pinkeln, du. Da ham’wa dann bei den hohen Wellen versucht, unser bestes Stück über die Reling zu baumeln, um den Rum aus uns raus zu pinkeln.“ Ich brülle vor Lachen. Es sieht einfach zu komisch aus, wie Helmut die Situation pantomimisch nachstellt. Gisela nippt leicht beschämt an ihrer Champagnerflöte, kann sich aber ein kleines Kichern nicht verkneifen. Als wir über Heimat reden, taut Gisela auf. „Ich bin damals mit meiner Familie aus Schlesien geflohen. Wir haben auch in einer Turnhalle gewohnt und lagen in der großen Halle mit allen anderen auf dünnen Matratzen. Irgendwann bekam meine Schwester rote Pusteln am ganzen Körper. Die Ärzte hatten Angst, dass es etwas ansteckendes ist und so bekamen wir ein Familienzimmer mit einem Etagenbett. Was für ein Luxus das war! Ich weiß noch, das obere Bett teilten mein Vater und ich. Unten schliefen meine Mutter und meine Schwester.“
Ich bekomme Gänsehaut. Täglich lese ich in der Zeitung von den Flüchtlingsströmen, die uns gerade aus Syrien erreichen. Von Missständen und Überfüllung in notdürftig errichteten Flüchtlingsquartieren ist die Rede. Täglich fliegen mehrere traurige Meldungen auf Facebook rein. Es ist nervenaufreibend und bedrückend und doch offenbar Geschichte, die sich wiederholt.
„Meine Schwester und ich hatten es faustdick hinter den Ohren. Manchmal haben wir uns an die Russen herangeschlichen, um Kohlen von ihnen zu stibitzten. Wir hatten nicht grundsätzlich Angst vor denen, aber unsere Tante hatte uns gewarnt, dass wir vorsichtig sein müssen. Wenn die Russen abends tranken, schoben sie meist ihre Mützen nach hinten. Das war der Moment, in dem sie unberechenbar wurden.“
„Ik erinnere mich noch an Lisa. So’n richtich griffiges Mädchen war se. Ihre Eltern hatten immer Angst, das die Russen se vielleicht holen und ham ihr mitten uff’m Feld’n Loch jegraben. Ik hab dann immer mit meen Kumpel dort Fussball jespielt und wenn keener jekiekt hat, ham wa Stullen zu Lisa runter jeworfen.“
Ich hänge an ihren Lippen und bekomme weitere Geschichten über Bomben, Pistolenläufe an Schläfen und den Wiederaufbau erzählt. Ich wünsche mir, die Zeit würde noch ein paar Geschichten lang stehen bleiben, aber Gisela und Helmut haben jetzt wirklich Hunger. „Helmut, wird Zeit. Wir müssen mal zum Mittag.“ Die Uhr schlägt zwölf. Helmut fällt mir um den Hals. „Mädchen, was war dit schön bei dir. Ik dank’ dir! Dit is’n Ding, du. Ik wollt doch schon immer ma inne Suite.“ „Wahrscheinlich muss ich mir jetzt einen Nebenjob suchen, damit wir uns bei der nächsten Reise eine gönnen können“, raunt mir Gisela bei unserer herzlichen Umarmung zu. Als ich wehmütig die Zimmertür schließe, höre ich die beiden champagnerselig auf dem Flur kichern. Ich ziehe meine Windjacke über und lege mich auf einen der Liegestühle auf meinen Balkon. Ich blicke auf das sanfte Blau des Meeres hinaus und döse irgendwann grinsend ein, weil ich mir gerade wieder vorgestellt habe, wie Helmut sich auf einem rostigen portugiesischen Fischkutter des Rums entleert.
Kreuzfahrt-Entertainment und ein Dinner mit Freunden
Zum Glück schlafe ich nicht tief, denn am Nachmittag gibt es für mich einen ganz besonderen Vortrag im schiffseigenen Planetarium. Die Journalisten-Ikone Stefan Aust hält einen Vortrag über digitalen Journalismus; als hätte ich es bestellt!
Ludwig und Chris haben wohl genug gechillt und wollen mitkommen. Ich treffe die beiden vor dem Eingang zum Planetarium. „Na, wie lief dein Tag?“ Ich überlege, ob ich zur großen Story ansetzen soll, entscheide mich aber dagegen. Das wäre alles nicht in wenigen Minuten berichtet.
Wir setzen uns in die letzte Reihe. Ich sehe Gisela und Helmut in der Ferne und winke ihnen zu. Sie winken zurück und scheinen ein wenig enttäuscht. Offenbar hatten sie mir tatsächlich einen Platz frei gehalten. Der Vortrag ist durchaus interessant, aber ich hatte mir mehr versprochen. Wie tief kann man jedoch in die Materie einsteigen, wenn dem Großteil des Publikums erzählt werden muss, was Social Media Kanäle sind? Im Anschluss an die Rede wechsle ich noch ein paar warme Worte mit Helmut. Ludwig und Chris wundern sich über die Vertrautheit zwischen dem alten Mann und mir und verabschieden sich auf später. Auch ich muss mich kurz darauf losreißen, denn ich möchte mich für das finale Dinner aufrüschen.
Am Familientisch herrscht ausgelassene Stimmung. Gerhard haut jetzt vor Lachen so doll mit der Hand auf den Tisch, dass gar das Porzellan scheppert. Brunhilde ermahnt ihn mittlerweile nicht mehr, sondern gackert mit weit geöffnetem Mund, ihren Kopf in den Nacken werfend. Ich freue mich über die Tatsache, dass die Stimmung Mahlzeit für Mahlzeit heiterer wird. Wir kichern, prosten und erzählen uns, was wir den Tag über erlebt haben. Sollten wir jemals noch einmal gemeinsam auf einem Kreuzfahrtschiff sein, nehmen wir zusammen am Line Dance Kurs teil.
Ich bitte den Sommelier Pierre ein Erinnerungsfoto von uns allen zu schießen. Gerhard rückt sofort ein paar Zentimeter an mich heran. Brunhilde springt auf und stellt sich hinter uns. „Nicht, dass das sonst komisch aussieht!“ Wir haben Tränen vor Lachen in den Augen. Martha, unsere Grand Dame, wie wir die Dienstälteste von uns liebevoll nennen, flüstert hinter vorgehaltener Hand über den Tisch: „Haben Sie gesehen? Die am Nebentisch haben ganz pikiert geguckt. Ach, sollen die doch zum Lachen in den Keller gehen!“ Ich liebe meinen Revoluzzertisch.
Unseren Abschlussabend bestreiten Ludwig, Chris, die Mädels und ich gemeinsam. Wir beginnen ihn mit Drinks in einer der Bars neben dem Casino, wo ein Music Quiz angekündigt ist. Leider ist das nicht so spannend, wie wir uns das vorgestellt haben und ich befürchte, dass es kein unvergessliches Grand Finale geben wird. Doch als das Programm auf Karaoke wechselt, sind wir nicht mehr zu halten. Das etwas langwierige Quiz mit einigen Gin Tonics versüßt, trällern wir nun, was die Stimmbänder hergeben. Auch gerne Fußballschlachtrufe in den Pausen, wenn eine neue Platte eingelegt wird. Es sind auch wir, die den Pub letztlich schließen und ich glaube nicht daran, dass ich es schaffe, vor Morgengrauen an Deck zu stehen, um das Einlaufen in den Hamburger Hafen mitzubekommen. Ich wanke in meine Suite und lasse mich auf’s Bett fallen.
Hamburg meine Heimat – für immer und ewig
Meine innere Seefahrerbraut Uhr tickt anders. Nach kaum mehr als zwei Stunden Schlaf werde ich gegen vier Uhr wach. Ich bin schlaflos und auf wundersame Weise auch Kopfschmerz frei. Ich ziehe mir meine Jogginghose an, werfe die Windbreaker Jacke über und versuche durch das Fenster auszumachen, wo wir sind. Plötzlich sehe ich das „Willkommen in Hamburg“-Schild des Schulauer Fährhaus, eines meiner Lieblingsorte der Stadt. Dort sitze ich oft und beobachte die Schiffe, die nach Hamburg einlaufen. Im Fährhaus sitzen täglich pensionierte Kapitäne, die die Schiffe über Lautsprecher an der Seebrücke mit ihrer Nationalhymne und einem doppelten „Willkommen in Hamburg“ begrüßen. Für die Besucher des Fährhauses erklären die Kapitäne dann, woher das Schiff kommt, wie groß es ist und wie viele Tonnen es laden kann.
Ich laufe los, um eine Tür ins Freie zu finden und stehe wenige Sekunden später an der Reling. Ein einziges Blitzlichtgewitter erleuchtet das Ufer von Blankenese. Auch nachts ist der Einlauf der Queen Mary eine Attraktion für viele Hamburger. Die Elbe wird für einen Moment zum roten Teppich und ich darf heute auch drüber gehen.
Ich erinnere mich daran, wie ich im Sommer mit meinem Freund Alex aus München da unten am Elbstrand stand. Die Queen Mary 2 kam an diesem Tag auch vorbei, begleitet von Fontänen sprühenden und sich um die eigene Achse drehenden Schlepper. Ich stand ganz vorne am Wasser. „Was ist eigentlich mit den Leuten in Hamburg los? Warum müssen immer alle weinen, wenn die großen Schiffe vorbeifahren?“ hörte ich Alex von hinten seufzen. Ich drehte mich zu ihm um, als gerade eine weitere Träne meine Wange herunter kullerte. „Wenn ich die Schiffe so nah an mir vorbeifahren sehe, weiß ich, dass ich zu Hause bin. Und das macht mich glücklich. Unendlich glücklich.“
Heute stehe ich selbst auf der Queen Mary und fahre in meine Herzensheimat Hamburg ein. Ich heule wie ein Schlosshund und kann vor Glückstränen kaum mehr die glitzernden Lichter des Hafens sehen. Ich könnte explodieren vor Dankbarkeit, dass ich diesen Moment wirklich erleben darf. Im Hafen angekommen dauert es noch einige Zeit, bis wir das Schiff verlassen dürfen. Es bleibt noch genug Zeit für ein letztes Frühstück am heimeligen Esstisch. So ausgelassen wie die Stimmung zu den anderen Mahlzeiten auch war, heute ist sie gedrückt. Wie schnell wir uns doch, so verschieden wir auch sein mögen, aneinander gewöhnt haben.
Als wir das Schiff verlassen, scheinen meine Füße wieder den Boden der Realität zu spüren. Auf Wiedersehen Suite, Champagner und feine Dinner! Ich fand euch super. Im Schiffsterminal treffe ich Ludwig und Chris. Sie haben lieber ausgeschlafen. Gemeinsam gehen wir wieder ganz unglamourös zu Fuß durch den Alten Elbtunnel zur S-Bahn Landungsbrücken. Ehrlich gesagt gefällt mir dieses Leben ebenso gut und es sind nicht die schönen Annehmlichkeiten wie Champagner in der Suite oder das exquisite Essen, die in meinem Gedächtnis bleiben werden. Es ist die unvergessliche, inspirierende und lehrende Zeit, die ich mit so wunderbaren Menschen wie Gisela und Helmut verbringen durfte.
Die schönsten, intensivsten und unvergesslichsten Geschichten der Welt lassen sich nicht in den zehn schönsten Stränden, Cafés oder Sehenswürdigkeiten der Region erklären, deswegen gibt es auf Landmeedchen auch Kurzgeschichten, die du neben der bebilderten Online-Version auch zum Ausdrucken oder Herunterladen auf deinen Reader bekommst. Zum Beispiel diese hier:
Liebe Anneli, nun bin ich ganz rot geworden. Danke für deine lieben Worte! Ich war auch nie der große Kreuzfahrt-Fan, aber Leute beobachte ich immer gerne 😉 Die Frage nach einem Buch ehrt mich ganz besonders. Tatsächlich habe ich gerade eine Reise durch 38 Bundesstaaten der USA mit dem Zug hinter mir und arbeite da an einem Buch. Demnächst kommen hier erste Kurzgeschichten (die kannst du auch als pdf runterladen. Auf dem Computer liest es sich wirklich nicht so gut). Ganz liebe Grüße zurück – auch gerade aus Berlin! Vielleicht laufen wir uns hier mal über den Weg? Evelyn